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akzeptieren die bittere Ignoranz mancher Indus-

trieländer, schlagen alleWarnungen in denWind

nach dem Motto nach mir die Sintflut! Wer gibt

uns eigentlich das Recht dazu, so mit unserem

Planeten Erde umzugehen?

„Wir haben den Respekt vor der Natur verloren“,

sagt Prof. Dr. Mojib Latif, Meteorologe und Kli-

maforscher am Geomar Helmholtz-Zentrum für

Ozeanforschung an der Uni Kiel. Er war Gast-

redner bei der 1. Nachhaltigkeitskonferenz des

Saarlandes inOtzenhausen. Beispiel Fukushima:

Die Menschen bauen Atomkraftwerke im Erdbe-

bengebiet an die Küste, wohlwissend, dass durch

Seebeben verursachte Tsunamis entstehen kön-

nen. Wir Menschen legen das Atomkraftwerk auf

Erdbebenstärke 8 aus, bauen Schutzwälle zehn

Meter hoch. DieNatur legt nach: Erdbebenstärke

9 und 16 Meter hohe Flutwellen. Auch fünf Jahre

nach dem schweren Unglück in Japan haben die

Menschen die Lage nicht im Griff. Wir suchen

Endlager, in denen Atommüll eine Millionen

Jahre sicher gelagert werden kann. Wer glaubt

das eigentlich, fragt Latif in das Auditorium in

Otzenhausen?

Anspruch und Wirklichkeit

klaffen auseinander

Seit es wissenschaftliche Messungen der CO

2

-

Emissionen gibt, war der CO

2

-Gehalt in der At-

mosphäre in 800 Tausend Jahren noch nie so

hoch wie heute. Das können Wissenschaftler an

Eisproben mit gebundenem CO

2

in der Antark-

tis feststellen. 1992 haben die Staaten auf dem

Klimagipfel in Rio versprochen, alles zu tun, den

klimaschädlichen CO

2

-Ausstoß zumindest nicht

zu erhöhen. Er hat bis heute weltweit umüber 60

Prozent zugenommen. Der Anstieg der Erdtem-

peratur sollte zuerst gestoppt werden, dann auf

1 °C und heute auf 2 °C begrenzt werden wie auf

dem mittlerweile 21. Gipfel in Paris vereinbart

wurde. Wer glaubt das noch?

Der Temperaturunterschied zwischen einer Eis-

zeit und einer Warmzeit beträgt 5 °C. Und 1 °C

habenwir imletzten Jahrhundert schon zugelegt,

warnt der Klimaforscher. Das Eis auf demMeer in

der Arktis ist seit 1979 um 30 Prozent zurückge-

gangen. Simulationsrechnungen sagen, dass es

2060/70 den ersten eisfreien Sommer in der Ark-

tis geben könnte. Dann die Gletscher- und Land-

eisschmelze wie in Grönland. Der Wasserspiegel

der Weltmeere ist seit 1880 um 20 cm gestiegen.

Prognostiziert werden beim„Weiter so“mehr als

einMeter bis Ende des Jahrhunderts. Gleichzeitig

erwärmen sich die Weltmeeremit fatalen Folgen

für Flora und Fauna auf unserem Planeten.

Wann wird das Ökosystem kippen, fragt Prof. La-

tif?Niemandweiß es genau. Politiker hoffen, dass

eine 2 °C-Begrenzung ausreicht, um den Klima­

gau noch zu stoppen.

Fest steht, dass wir alle in einemBoot sitzen und

alle Verlierer sein werden. So die These von Latif,

wennwir nicht sofort wirkungsvoll entgegensteu-

ern. „Die Zeitbombe tickt unaufhaltsam.“

Aber warum sind wir Menschen so passiv und

nehmen den sich abzeichnenden Klimagau ein-

fach so hin?Weil es ein schleichender Prozess sei

undweil wir keine Bedrohung fühlen, lautet seine

Antwort. Selbst wenn wir heute alle technischen

Industrieanlagen, den gesamten Verkehr auf der

Welt und sämtliche Heizungen in Privathäusern

stilllegen würden, wäre eine 1,5 °C Erwärmung

nicht mehr zu verhindern. Zu lange dauert es, bis

dieWeltmeere das bereits vonunserenVäternund

Großvätern in die Luft gepustete CO

2

aufnehmen

und abbauen.

Doch aufgeben und so weitermachen wie bis-

her darf und kann keine Lösung sein. Obwohl

Deutschland im Vergleich zu den USA und China

sicherlich nicht zu den größten CO

2

-produzieren-

den Ländern gehört, haben wir eine historische

Verantwortung und müssen dringender denn je

Vorbild sein. Wohlstand sichern gehe nur, wenn

Umwelt- und Klimaschutz auf der Agenda ganz

oben stehen. Die technischen Voraussetzungen

und Möglichkeiten haben wir, appelliert Latif. Es

dauere alles nur viel zu lange. „Wir müssen vom

Wissen zumHandeln kommen und zwar schnell,

sonst wird die Zukunftsfähigkeit unserer Erde

ertrinken undHolland vielleicht wirklich nur noch

Wasserball spielen.“

[nea]

Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif,

Umweltminister Reinhold Jost und

der Energiebotschafter der Bundes­

regierung, Prof. Timo Leukefeld,

(v.l.n.r.) auf der 1. Nachhaltigkeits-

konferenz des Saarlandes in der

Europäischen Akademie Otzen-

hausen.

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