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Und es ist nur eine der vielenMaßnahmen, die die

Versorger übernehmen, damit die Infrastruktur

der Wasserversorgung auf hohemNiveau intakt

bleibt. Verschärft wird das Problem durch den

demografischen Wandel, denn viele Dörfer

sind in den nächsten Jahren und Jahrzehnten

massiv betroffen. Hinzu kommt das Alter des

Rohrleitungsnetzes. In vielen westdeutschen

Kommunen – im Osten wurde nach der Wende

kräftig erneuert – stammen die Leitungen aus

der Nachkriegszeit oder aus den 70er Jahren,

teilweise sind sie sogar älter. Zwar sindLeitungs-

verlustemit vier bis fünf Prozent in Deutschland

sehr gering – in London reden wir sogar von 20

Prozent -, aber letztendlichweiß niemand genau,

wie lange das alles noch hält, tief verbuddelt in

der Erde. Die aquabench aus Köln geht von ei-

nemdurchschnittlichen Sanierungsbedarf nach

knapp 70 Jahren Lebensdauer der Leitungen

aus. Zwar investiert die Wasserwirtschaft für

Neu- und Ersatzinvestitionen Jahr für Jahr über

zwei Milliarden Euro, im Saarland sind es ca.

35 Mio. Euro, aber mittelfristig klar zu wenig

angesichts des zunehmenden Leitungsalters.

„Ein weiter so kann und darf es nicht geben, will

die Wasserwirtschaft nicht auf Substanz leben

und das Ziel einer langfristig sicheren und quali-

tativ hochwertigen Trinkwasserversorgung nicht

gefährden“, so Dr. JoachimMeier vom Vorstand

des VEWSaar.

80 Prozent Fixkosten

Der Wasserpreis spiegelt nicht annähernd die

tatsächlichen Kostenanteile wider: Während

die fixen Kosten in der Wasserversorgung rund

80 Prozent ausmachen, hängen direkt vom

Verbrauch lediglich 20 Prozent ab. Die derzei-

tigen Preismodelle geben dieses Verhältnis so

gut wie nicht wieder. Hier besteht nach Ansicht

der Fachleute dringender Handlungsbedarf.

Eine geringe Anhebung von 30 auf 36 Cent pro

Person amTag in den nächsten Jahren empfiehlt

daher Prof. Dr. Rudolf Friedrich von der HTW

des Saarlandes. Er hat in einemrepräsentativen

Forschungsprojekt die Wasserentgeltkalkula-

tion im Saarland unter die Lupe genommen.

Die saarländischen Wasserversorger nehmen

insgesamt rund 120 Mio. Euro ein, denen aber

150 Mio. Euro als Ausgaben gegenüberstehen.

Ergebnis: Kostenunterdeckung. Geld, das für

benötigte Investitionen fehlt. Von Abzocke der

Kunden, wie manchmal landläufig verbreitet,

kann also überhaupt keine Rede sein. Mit

Drei Fragen an …

AmRande der 1.Wasserkonferenz imSaarland sprach

kontakt mit

Martin Weyand

, Hauptgeschäftsführer

Wasser undAbwasser beimBundesverband der Ener-

gie- und Wasserwirtschaft e.V. BDEW in Berlin.

Warum ist Wassersparen in Deutschland unnötig?

Deutschland ist ein wasserreiches Land und verfügt

über ausreichende Ressourcen. Weit über 80 Prozent der verfügbaren Re-

serven sind ungenutzt. Wassersparen ist in Deutschland nicht notwendig.

Es nützt auf den ersten Blick zwar dem Einzelnen, denn er zahlt ja zunächst

weniger aufgrund des geringeren Verbrauchs. Aber unter dem Strich wird es

für alle teurer, denn weniger Verbrauch treibt die fixen Kosten weiter hoch,

wenn wir nicht gegensteuern.

Wieso spiegeln die Preismodelle in Deutschland nicht die echten Kosten

wider?

Wir haben in der Tat 80 Prozent Fixkosten in der Wasserversorgung. Die

Preisgestaltung muss diesem Aspekt viel stärker Rechnung tragen. Die

Wasserversorger sollten die Struktur zu Gunsten der Fixkosten anpassen,

vorausgesetzt der Wasserpreis ist auskömmlich. In Mülheim an der Ruhr

ist das kostenneutral gelungen. Als Verband bieten wir unseren Mitglieds-

unternehmen beispielsweise ein Tool als Kalkulationsleitfaden im Internet

an, stehen beratend zur Seite. Wir müssen aber auch das Bewusstsein für

diese Strukturveränderung in der öffentlichen Wahrnehmung schaffen. Um-

fragen und Analysen zeigen immer wieder, dass die Verbraucher mit ihren

Wasserversorgern zwar zufrieden sind, aber von den tatsächlichen Kosten

der Wasserversorgung oftmals ein falsches Bild haben. Hier bleibt noch viel

Aufklärungsarbeit zu tun.

Ist Leitungswasser besser als Mineralwasser?

Auf jeden Fall ist Leitungswasser in Deutschland das meistkontrollierte Le-

bensmittel, dasman bedenkenlos trinken kann.Wenn ichunterwegs bin, trinke

ich immerWasser aus der Leitung und ziehe es Tafel- oderMineralwasser vor.

einer moderaten Erhöhung der Grundpreise,

einer kontinuierlichen Effizienzsteigerung der

Wasserversorger in den eigenen Reihen durch

Benchmarking sowie der Möglichkeit, Teile

der Gewinne im Unternehmen zu belassen und

nicht alles rauszuholen, kann diese Lücke ge-

schlossen werden. Alle müssen ihren Beitrag

leisten: Die Versorger, ihre Gesellschafter und

die Kommunalpolitik sowie die Verbraucher.

Ein Umdenken wird klar gefordert. Klarheit in

der Kommunikation, Transparenz in der Sache,

Entschlossenheit im Handeln – dann kann der

Sprung gelingen, nicht weiter auf Substanz der

Infrastruktur zu leben. Das sind wir den nach-

folgenden Generationen schuldig und dafür ist

die Infrastruktur für das Industrieland Saarland

einfach viel zu wichtig.

[nea]