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Zur Person

Prof. Wolfgang Henseler leitet den Studiengang Intermediales

Design an der Universität Pforzheim und ist gleichzeitig Kreativ-

Direktor des Designstudios für Neue Medien und Innovative

Technologien, Sensory Minds, in Offenbach. Prof. Henseler ist ein

ausgewiesener Experte der digitalen Kommunikation. Wie kaum

ein anderer analysiert er die Auswirkungen der Digitalisierung

auf unser Leben, Chancen und Risiken. Seine Vorträge sind u.a.

bei youtube eingestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=ZR-rJ1wF8-E

Welche Vorteile bringt mir die Digitalisierung,

ggf. welche Nachteile?

Grundsätzlich geht es bei der anstehendenWelle

der Digitalisierung gar nicht darum, alles zu digi-

talisieren, sondern die analoge Welt mit den digi-

talen Möglichkeiten sinnvoll und intelligent zu

verknüpfen. Das Internet der Dinge und Dienste,

alsodienächsteGenerationdesWorldWideWebs,

wird alles, was wir uns vorstellen können, mit­

einander verbindenundunsMenschenhierdurch

sehr viele Vorteile verschaffen. Vorteile, die sich

viele von uns heute noch gar nicht vorstellen

können.

Gleichzeitig droht die Gefahr der Entmündigung

oder Arbeitslosigkeit durcheine robotisierteWelt,

wenn wir uns mit unserem Denken nicht auf die

neuen Gegebenheiten einstellen. Ein gutes Bei-

spiel hierfür ist der große Fachkräftemangel im

IT-Bereich bei gleichzeitigem Stellenabbau in

analog denkenden Bereichen. Die große Heraus-

forderung der digitalen Transformation besteht

darin, die Menschen mitzunehmen und zu befä-

higen, das Potenzial desNeuen zu verstehen und

zu erschließen bei gleichzeitiger Reflexion der

Gefahren.

Können wir uns dieser Entwicklung überhaupt

noch entziehen?

Nein, denn es wäre ein Trugschluss, glauben zu

wollen, dassWandel ohneVeränderungauskommt.

Allerdings könnenwir denWandel nunwesentlich

proaktivermitgestalten, als dies vormals der Fall

war.

Welche Chancen ergeben sich für die Energie-

wirtschaft in der digitalen Welt?

Die Chancen für die Energiewirtschaft sind im-

mens, wenn sie es versteht, Stromnichtmehr als

Energieträger, sondern als Informationsmedium

wirtschaftlich zu nutzen. Dann können aus der

gleichen Einheit „Kilowattstunde“ anstatt heut-

zutage 28,8 Ct. (für Strom) imDurchschnitt 13,60

Euro (für Daten) erwirtschaftet werden. Hierzu

muss ich allerdings in der Lage sein zu verstehen,

welche Metadaten im Strom stecken und in der

Lage sein, diese auch zu vermarkten – sprich,

wirtschaftlich nutzbar zumachen. Bin ich also in

der Lage, aus vielen Daten situativ relevante und

monetarisierbare Dienste zu generieren, dann

geht esmirwirtschaftlichgesehenheuteunderst

recht in Zukunft sehr gut. Wenn nicht, dann wer-

den die Herausforderungen rapide zunehmend

größer.

Autos fahren selbstständig, Roboter räumen

Lager ein, der Kühlschrank bestellt eigen-

ständig nach, was darin fehlt. Künftig liefert

Amazon, bevor ich weiß, dass ich es haben will

oder brauche. Wohin führt diese Entwicklung?

Aus meiner Sicht und Hoffnung zu einem Leben,

inder sichderMenschwesentlich freier entfalten

kann als bisher, in der kreatives und innovatives

Denken in den Mittelpunkt des menschlichen

Daseins rückt unddasAbarbeiten vonmonotonen

Prozessen, wie es heutzutage immer noch größ-

tenteils der Fall ist, der Vergangenheit angehört.

ImVergleich zudenUSA trifftman inDeutschland

immer noch auf sehr viele „Ja, aber“ Sager und

nicht auf die „Ja, und“ Mentalität des Silicon

Valleys. Vor allem das Mindset gegenüber dem

Digitalen ist in Deutschland noch nicht so ausge-

prägt, um den Wohlstand Deutschlands für die

Zukunft zu sichern. Allerdings ändert sich dies

durch die Start-Up Unternehmen und ein diffe-

renzierteres Denken in der Politik gerade rasant,

auch wenn die dringend benötigten Fachkräfte

dabei nicht soeinfach „ausdemÄrmel geschüttelt

werden können“. DerWandel kommt nunmehr in

Meilenstiefeln.

Sie durchblicken diese atemberaubende Ent-

wicklung, wie kaum ein anderer. Sehen Sie die

digitale Transformation mit der Neugier des

Wissenschaftlers nur positiv oder manchmal

auch mit Bedenken?

Sowohl als auch. Aus meiner Sicht ist es wichtig

zu verstehen, was die Chancen und die Gefahren

desNeuen sind, umdann aktiv an der Gestaltung

der Zukunft mitarbeiten zu können. Dies betrifft

sowohl dieneuenAusbildungsschwerpunkteund

-methodikenanSchulenundHochschulenalsauch

die Transformation durch Befähigung der Mitar-

beiter in Unternehmen, also dem Switch von

Mitarbeitern zu Mitdenkern.

[med]