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Nach dem atomaren Supergau in Fukushima

konnte es gar nicht schnell genug mit der Ener-

giewende gehen. Aufbruchstimmung in ganz

Deutschland: Politik, Wirtschaft, Bürger über-

schlugen sich förmlich bei Erneuerbaren Ener-

gieprojekten. Mittlerweile hat der schnöde Alltag

die Euphorie abgelöst. „Die Luft ist raus bei der

Energiewende“, sagt Prof. Timo Leukefeld, Ener-

giebotschafter der Bundesregierung. Unzählige

Proteste und Bürgerinitiativen gegen Windkraft-

anlagen, gebrochene Versprechen der Politik in

ganz Europa, halbherziges Engagement sowie

Deckelungen und Kürzungen per Gesetz beim

Ausbau der Erneuerbaren haben die einstige Be-

geisterung für die Energiewende einfach weg-

geweht. „Starke Veränderungen sind nur durch

Begeisterung undMotivation herbeizuführen“, so

der Energieexperte auf der 1. Nachhaltigkeits-

konferenz des Saarlandes in Otzenhausen. „Rei-

ne Sparappelle, Kürzungsorgien, Verbote, das

Dogma des Nicht-Machbaren, die Komplexität,

woher soll die Lust denn herkommen, sich zu

engagieren?“ Wir können es nicht mehr hören,

der Energiewende fehlt es an Sexappeal.

Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzen­

trieren, beschäftigte sich die EU beispielsweise

jahrelang mit dem Verbot von Glühbirnen. Ein

Nebenkriegsschauplatz, wennmanbedenkt, dass

beim Stromverbrauch gerade mal zwei Prozent

auf die Beleuchtung entfällt. Die Menschen gän-

geln, ihnen weiß zu machen, dass nur Sparen

etwas bringe, anstatt Energie intelligent einzu-

setzen, verhindere Investitionen, behauptet Timo

Leukefeld. Und was hinzukommt: Reines Sparen

werde immermit Komfortverzicht gleichgesetzt.

Das entfacht nun mal keine Begeisterung.

Freie Fahrt für neue Geschäfts­

modelle

Dabei gehört Leukefeld selbst zu den Menschen,

die experimentieren über studieren stellen. Das

Hauptproblem: Wie nutzt man die überflüssige

Wärme aus den Sommermonaten in den kalten

Wintermonaten, in denen die Sonne nicht ausrei-

chend scheint. Er spricht von der so genannten

„saisonalen Illusion“. Mit seiner Familiewohnt er

schon über zwei Jahren in einem Energie-Spar-

Haus mit 160 m

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Wohnfläche. Photovoltaik und

Kollektoranlagen auf demDach sorgen für Strom

undWärme. Der Stromakku ist mit demEnergie-

versorger vernetzt. Mit überschüssigem Solar-

strom tankt er tagsüber sein Elektrofahrzeug auf.

ImKeller hat er einenWasserspeicher, gut isoliert

und für eine Woche ohne Sonne ausreichend. Im

Winter heizt er mit ca. zwei Raummetern Holz

dazu. Natürlich hat er auch moderne effiziente

Geräte im Einsatz. Und fertig ist das so gut wie

energieautarkeHaus ohne Komfortverzicht. Also,

geht doch, bei gutemWillen.

Was für Einfamilienhäuser gilt, müsste auch für

Mehrfamilienhäuser funktionieren. Und so plant

Leukefeld derzeit gemeinsam mit dem Energie-

versorger enviaM ein Projekt in Leipzig „Wie wir

künftig energetisch wohnen wollen“. Es sei die

ganzheitliche Betrachtungsweise, die Chancen

für neue Geschäftsfelder eröffne. Die Energie-

wirtschaft nennt er mit an erster Stelle. Denn

sie verfügt über das entsprechende Know-how,

die verschiedenen Sektoren Strom, Wärme und

Mobilität intelligent zu vernetzen. Die Energie-

dienstleistungen über Contracting an den Mann

zu bringen, das ist die Zukunft. Denn irgendwann

kostet der Strom aus der Sonne laut Berechnun-

gen des Fraunhofer Instituts nur noch rund 1,5

Cent pro Kilowattstunde und die reine Strom­

lieferung ist nicht mehr lukrativ genug. Auch die

Wohnungswirtschaft könnte profitieren. Durch

Pauschal-Mietenüber zehn Jahre inklusiveStrom

und Wärme würden Investitionssicherheit gege-

benund lästigeStreitereienüberNebenkostenab-

rechnungen der Vergangenheit angehören.

„Umdenken, begeistern und Trends erkennen“

lautet Leukefelds Devise. Das wird auch andere

auf den Plan rufen und neue Geschäftsfelder ent-

stehen lassen.

[nea]

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