Previous Page  37 / 64 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 37 / 64 Next Page
Page Background

37

statiker war bereits amSonntag, den 27. 12. zur

Begutachtung des Stahl​bau​zustandes vor Ort.

Nach einer ersten Inaugenscheinnahme der Si-

tuationund demAktenstudiummehrerer Ordner

mit Prüfstatikunterlagen aus den Jahren1968/69

vermutete er eine Behinderung der Kontraktion

nach thermischenAusdehnungsprozessen beim

Abfahren des Blockes.

Dirk Schwab, Ingenieur Stahlbaustatik: „Da

können Kräfte wirken, welche die normalen

Beanspruchungen der Anlage umein Vielfaches

übersteigen!“

Diese Vermutung bestätigte sich imVerlauf der

Sanierung: Ein mehrere Meter langes Stahl-

profil, das einen Dehnungsausgleich zwischen

dem heißem Kessel und dem kaltem Stahlbau

in Form einer Schiebestelle ermöglicht (der

Kessel „wächst“ bei der Inbetriebnahme meh-

rere Zentimeter nach unten), hatte sich derart

deformiert, dass das Zurück​bewegen in den

Kaltzustand beimAbfahren am24.12. unmöglich

wurde. Das unvermeidliche Zusammenziehen

der Bodenaufhängung beim Erkalten des Kes-

sels rissmit ungeheurer Kraft den schwächsten

Ankerpunkt aus seiner Fixierung (Foto).

Da keine weiteren bleibenden Verformungen

am restlichen System zu erkennen waren,

entschloss man sich zu folgender Reparatur­

strategie: Hochziehen des Bodens in die Ur-

sprungslage, Nachdrücken des Bodens mit

Hydraulikzylindern von unten und Aufhängen

des Bodens in der Ursprungsposition.

Dazuwurde einStahlportal konstruiert, gefertigt

und vor Ort montiert (Foto), mit dem die Lasten

in der Größenordnung von 100 Tonnen angeho-

ben und in die Hauptkessel​träger und -stützen

eingeleitet werden konnten.

Alexander Contier, LeiterMechanische Instand-

haltung: „Für uns Kraftwerker ist es eine nicht

alltägliche Angelegenheit, das Gewicht von 100

Kleinwagen an einer 10 cmdicken Stange einen

Meter hochzuziehen. Für die Stahlbaumonteure

der Firma Stahlbau Schäfer, deren tägliches

Geschäft aus derartigen Projekten besteht, war

die Aktion schon eher Routine, was sich neben

dem erstklassigen vorhandenen Equipment

auch in der sicheren Handhabung derartiger

Lasten zeigte.“

NachdemdieHydraulikzylinder zugbereit instal-

liert waren, wurde der Boden inmehreren Teil­

zügen, manchmal zentimeterweise, am ersten

Januarwochenende in die Ursprungs​position

gehievt. Die Instandsetzung der Begleitschäden

folgte (Mauer​werk, deformierte Kesselrohre,

Stahlbau, Schiebestelle etc.).

Nach Abschluss der Remontagearbeiten (es

wurden insgesamt deutlich mehr als 5.000

Arbeitsstunden investiert) konnte Block 3 am

23. Januar 2016 wieder angefahrenwerden und

produziert seitdem wieder zuverlässig Strom.

Besondere Anerkennung gilt unserenMitarbei-

tern und den Kollegen der Partnerfirmen. Nur

durch das außer​gewöhn​liche Engagement aller

Beteiligten (Wochenend​arbeit, „umfahren“ mit

Zwischenschichten, Nachtarbeit, etc.) konnte

diese enorme technische Heraus​forderung in

derartig kurzer Zeit erfolgreich gemeistert wer-

den. Dr. Klaus Blug, Kraftwerksleiter: „Durch

ein sprichwörtliches Ziehen aller Beteiligten

an einem Strang können Berge, in diesem Fall

ein 100 Tonnen schwerer Brennkammerboden

versetzt werden. Klasse!“

[ac]

Oben: Der gebrochene Ankerpunkt.

Unten: Das eigens vor Ort angefer-

tigte Stahlportal